Polizei Sachsen verzeichnet Erfolg im Kampf gegen internationale Beleidigungskriminalität

Niki KovacsOK, hier kommt jetzt eine etwas groteske Story. Das Internet hat ja nicht unbedingt viel Geduld mit grotesken Stories, also werde ich mir Mühe geben, sie nicht allzu sehr breitzutreten. Bevor ich anfange, möchte ich den werten Leser aber doch bitten, mir eine kurze Kartenabgabe zu gestatten. Ich heiße Niki Kovacs und arbeite in Südfrankreich als IT-Unternehmer. Das ist zumindest der etwas hochtrabende Begriff, den das österreichische Nachrichtenmagazin Profil (siehe unten) als Berufsbeschreibung verwendet hat. Meine Firma Microlinux ist im tiefsten Hinterland angesiedelt, und mein Berufsalltag besteht hauptsächlich darin, Dorfschulen und Dorfbibliotheken mit billigen Computernetzwerken auszustatten, oder auch pensionierten Weinbauern Linux zu installieren zu erklären.

So, und jetzt von Anfang an. Am Abend des 20. Februar 2016 bin ich vorm Computer gesessen und hab wie immer nach der Arbeit die Nachrichten gelesen. Die deutsche und die österreichische Presse richteten ihre Aufmerksamkeit auf das sächsische Clausnitz, wo ein Mob “besorgter Bürger” einen Bus mit verängstigten Flüchtlingen terrorisierte. Die umstehenden Polizisten schauten dabei seelenruhig zu, und der eine oder andere Beamte packte auch herzhaft selbst mit an, um heulende Minderjährige aus dem Bus zu zerren.

Der große deutsche Dichterphilosoph Lessing hat mal sehr schön gesagt: Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren. Eine Exekutivgewalt in Uniform, die tatkräftig dabei mitmacht, wenn Minderheiten bedrängt werden, das hatten wir ja schon einmal, zwischen 1933 und 1945. Es mag an meiner Erziehung liegen, an den langen Gesprächen, die ich als Heranwachsender mit meiner Großmutter hatte, jedenfalls spürte ich eine unselige Mischung aus Ohnmacht und Wut in mir. Und nachdem mir nix Besseres einfiel, beschloß ich, zumindest der Wut nachzugeben. Ohne viel nachzudenken war ich schon dabei, der Polizei Sachsen ein wütendes Mail zu schreiben, in dem ich ihnen in klaren preußischen Worten den geschichtlichen Präzedenzfall unter die Nase rieb. Dummerweise hab ich mich in meinem Schaffenseifer dazu hinreißen lassen, meine unsubtile Mahnung mit einigen ebenso unmißverständlichen Grobheiten zu würzen, die ich hier nicht wiedergeben möchte, sonst klagt mich der sächsische Polizeipräsident gleich noch einmal.

Clausnitz Bus

Womit ich eigentlich auch schon die Pointe der Story vorweggenommen hab, und ich muß zerknirscht feststellen, daß ich wohl nur bedingt zum modernen Webredakteur tauge. (“Was der sächsische Polizeipräsident dann gemacht hat, wirst du kaum glauben”.) Jedenfalls hab ich mir nichts weiter dabei gedacht. Einige Tage lang hat das Thema die internationale Presse beherrscht. Der Spiegel, The Guardian, Le Monde und Libération haben ausführlich darüber berichtet. Stimmen wurden laut, um den Rücktritt des sächsischen Polizeipräsidenten Uwe Reissmann zu fordern, wobei selbst die nicht gerade fremdenfreundliche Bild-Zeitung von der “Schande von Clausnitz” sprach. Nach ein paar Tagen der internationalen Entrüstung ist die Welt dann aber wieder zur Tagesordnung übergegangen, und ich hab mir auch nichts mehr weiter dabei gedacht. Mein Mail war aller Wahrscheinlichkeit nach von einem verwunderten Beamten der Polizei Sachsen gelöscht worden.

Der sächsische Polizeipräsident Uwe Reißmann hat nach dem Zwischenfall das Verhalten seiner Beamten als “absolut notwendig und verhältnismäßig” charakterisiert. Nun, der nächste absolut notwendige und verhältnismäßige Schritt war ein Rechtshilfeansuchen Herrn Reißmanns an Frankreich, um den Schreiber des E-Mails ausfindig zu machen. Die juristische Zusammenarbeit zwischen den Ländern funktioniert ja bereits hervorragend, um zum Beispiel gegen Terrorismus oder organisierte Kriminalität zu kämpfen. Umso besser müßten damit freche Mailschreiber rasch und effizient ausfindig gemacht werden.

Uwe Reißmann

Ende November 2016 bin ich am Gendarmerieposten von Saint-Chaptes in Südfrankreich verhört worden, wobei ich vorwegnehmen muß, daß der capitaine de gendarmerie von der Unverhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel ebenso überrascht war wie ich. Ich geh da jetzt nicht allzusehr ins Detail, aber wie’s daran ging, einige Details der amtlichen Übersetzung zu kommentieren, konnten wir uns das eine oder andere Grinsen nicht verkneifen, und spätestens, als ich ihm erklärt hab, das “Arschgeigen” nicht mit “enculés” übersetzt werden soll, sondern eher mit “blaireaux“, “étant donné que le terme ne comporte aucune notion de sodomie passive“, hatte der Kommandant der Gendarmerie Tränen in den Augen vor lauter Lachen. Die Reaktion des Gendarmen kann ich hier leider nicht wiedergeben, aber ich hatte dann auch Bauchweh vor Lachen.

TribunalLeider hat die Polizei Sachsen nicht ganz soviel Humor wie die südfranzösische Gendarmerie. Das sächsische Gericht hat mich in Abwesenheit wegen Beleidigung für schuldig befunden, und mittlerweile ist nun auch der endgültige Strafbescheid des Amtsgerichts Chemnitz ins Haus geflattert. Inklusive Verfahrenskosten habe ich die stolze Summe von 878,85 Euro zu begleichen. Nachdem meine Einkommensverhältnisse eher doch bescheiden sind, konnte ich das Amtsgericht Chemnitz dazu bringen, mir eine Ratenzahlung der Strafe auf drei Jahre zu bewilligen.

Le principal carburant du rédacteur de documentation LinuxWer findet, daß hier mit Kanonen auf freche Spatzen geschossen wird und mir beim Begleichen der Strafe helfen möchte, kann das hier tun. Einfach rechts oben am rechten Seitenrand auf die kleine Kaffeetasse (“Soutenir ce blog“) klicken, das öffnet einen Paypal-Link, da kann man ganz einfach ein oder zwei Euro überweisen und eventuell eine kurze Nachricht dazu schreiben. Warum überhaupt eine Kaffeetasse? Weil das hier normalerweise mein technischer Blog ist, und weil mir hier dankbare Netzwerkadministratoren, die meine Artikel hilfreich finden, Kleingeld für Kaffee spendieren. Die Namen der p. T. Spender werden dann hier weiter unten auf dieser Seite bekanntgegeben – oder auf ausdrücklichen Wunsch verschwiegen.

Und ja, ich weiß, ein gut ausformulierter Blogeintrag wäre viel intelligenter gewesen als ein wütend hingerotztes E-Mail. Beim nächsten Mal dann, versprochen.

Profil Artikel

Erhaltene Spenden

Ein herzliches Dankeschön an die großzügigen Spenderinnen und Spender.

Datum Spender Land Gespendeter Betrag
2017-09-08 Harald Kreuzer Österreich 50,00 €
2017-09-03 Jochen Schepers Deutschland 5,00 €
2017-09-03 Alex Engelsberg Österreich 50,00 €
2017-09-03 Hans G. Hoedl Österreich 10,00 €
2017-09-03 Martin Schuster Österreich 100,00 €
2017-09-02 Birgit Kleinlercher Österreich 50,00 €
2017-09-02 Wolfgang Förster Deutschland 2,00 €
Ce contenu a été publié dans Divers. Vous pouvez le mettre en favoris avec ce permalien.

Laisser un commentaire

Votre adresse de messagerie ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *